Interview mit Jack Ketchum (New York / USA)




















Hallo Dallas Mayr, aka Jack Ketchum - vielen Dank dass Du Dir die Zeit genommen haben, ein paar Fragen von Elements of Crime zu beantworten.
Stephen King bezeichnete Dich einmal als den furchterregendsten Gesellen von Amerika, das ja fast einem Ritterschlag gleich kommt. Inspiriert Dich das bei Deiner Arbeit, oder ist es eher eine Belastung dem guten Ruf gerecht zu werden?
Ritterschlag! Haha! Das würde Steve mögen. Aber es hat meine Arbeit an sich wirklich nicht so sehr beeinflusst, wie den Verkauf meiner Bücher. Entertainment Weekly, die Steves Artikel gedruckt haben, gibt es weltweit. So fragten sich auf einmal Verlage aus vielen Ländern, wer ist dieser Typ Ketchum, den King so sehr mag? Sie recherchierten wer ich bin und fingen plötzlich an meine Bücher zu kaufen, nochmals vielen Dank Steve.
Bevor Du eine Geschichte schreibst, was ist zuerst da. Die Geschichte, das Thema oder die Charaktere?
Natürlich kommt das Thema zuerst, Du brauchst ja etwas worüber Du schreiben möchtest, dann folgen die Charaktere. Ich würde aber auch nicht das geringste bißchen schreiben, bevor ich nicht alles über meine Charaktere wüßte.
Im laufe des Schreibens überraschen sie mich dann aber immer wieder und beeinflussen im Großen und Ganzen die komplette Handlung, und ich liebe es wenn das passiert. Ich habe ihnen freie Hand gelassen und sie agieren dann wie richtige Menschen.
Ich habe gehört, dass Horror für Dich kein Genre ist, sondern mehr eine Emotion. Wenn Dich jemand fragt in welchen Genre Du Dich bewegst, was sagst Du ihm?
Ich sage dann immer, dass ich Horror- und Spannungsliteratur schreibe, oder Spannungs- und Horrorliteratur, wie auch immer.
Diese Aussage, dass Horror kein Genre ist, sondern eher ein Gefühl, stammt aus einer Rede von Douglas A. Winter. Ich glaube sie fiel bei den "Bram Stoker Awards", oder der "World Horror Convention". Ich bin mir aber nicht ganz sicher auf welche der beiden Veranstaltungen.
Aber da stimme ich aufrichtig zu, denn Horror als Genre zu bezeichnen wurde von Verlegern erfunden, nicht von den Autoren. Wir schreiben die Geschichten über die Angst, allen Arten von Angst, und Angst ist eine Emotion.
Kindesmissbrauch, Missbrauch von Tieren, Vergewaltigung und Soziopathie sind Schwerpunkte in vielen Deiner Bücher.
Speziell “Evil” (“The Girl next door”) ist ja sehr harter Stoff, und der Fall / Story basiert auf einer wahren Begebenheit, die sich 1965 ereignete. Was ist die Botschaft, willst Du die Menschen wachrütteln?
Absolut. Ich will genau das machen, was über das Fernsehen oder die Nachrichten im Internet nicht möglich ist, aber was ein Roman kann – es möglich zu machen den Schmerz so zu fühlen, wie ein Opfer ihn fühlt, so als sei es der eigene.
Und - jetzt wird es wirklich kontrovers, extrem schwierig für viele Menschen - sich in die Gefühlswelt und in die Gedanken des Verbrechers hineinzuversetzen, denn es ist sehr unangenehm sich mit den Taten zu beschäftigen.
Der Erfolg in Europa, speziell in Deutschland, kam nach Evil und die Leser / Fans lieben Deine Arbeit. Im Dezember erscheint mit “Beuterausch“ (im Original “The Woman”) Dein neunter Roman in Deutschland. Wie wichtig ist Dir der Erfolg in Deutschland und das Verhältnis zu Deinen Lesern / Fans?
Ich finde es wunderbar, dass die Bücher solch einen Erfolg in Deutschland und auch anderswo in Europa haben. Wenn man bedenkt, dass sie bis vor ein paar Jahren nur ins Japanische übersetzt wurden, wo ich sehr früh entdeckt worden bin. Es ist in mehrfacher Hinsicht erfreulich, nicht zuletzt weil ich denke, dass viele meiner Leser in Deutschland junge Menschen sind. Ich verwirre somit den Verstand einer ganz neuen Generation.
Warum kamen Deine Romane erst so viele Jahre nach dem Schreiben in die Regale der Büchereinen? Waren sie zu heftig und zu brutal, wollten die Menschen ihre Augen nicht öffnen, oder waren sie nicht zeitgemäß?
Ich gebe nicht den Lesern die Schuld, dass sie ihre Augen nicht öffneten, sondern den Verlagen, weil sie ihre Augen zu langsam geöffnet haben. Viele Jahre hatte ich hier in den USA, bis ein Stephen King Zitat auf dem Cover des JOYRIDE erschien, eine Auflage von nur 40.000 Exemplaren, die dann für ca. 3 Monate in den Regalen standen. Überlege Dir mal wie wenig Exemplare das sind. Die USA haben fünfzig Staaten, das sind nur 800 Exemplare pro Staat und wir haben 3,79 Millionen Quadrat-Meilen Land, das rechne Dir mal aus.
Und weil sich die Verlage lange Zeit an meinen vorangegangen, gedruckten Exemplaren orientierten, um zu sehen wie viele Kopien sie beim nächsten Mal drucken sollten, gaben sie die Anzahl einfach in den Computer ein, anstatt ihre Entscheidung von der Qualität oder Marktfähigkeit des Buches abhängig zu machen.
Im Dezember erscheint “Beuterausch” (im Original “The Woman”) in Deutschland, und natürlich können wir es kaum abwarten. Zwei Fragen, warum gerade Kannibalismus, und ist an der Story ein Funken Wahrheit, oder ist es alles nur Fiktion?
„Beutezeit“ (Off Season), mein erster Roman über Kannibalismus, war eine leichte Abhandlung von Sawney Beanes Story, die von einem 48 köpfigen Kannibalen-Clan handelt, der angeblich die Küstenstraßen Schottlands im 16. Jahrhundert terrorisierte. Vielleicht ist die Geschichte wahr, vielleicht aber auch nur eine Legende - ich nahm mir aber bei der Story alle Freiheiten heraus. Die beiden nachfolgenden Romane „Beutegier“ (Offspring) und „Beuterausch“ (The Woman) waren jedenfalls reine Fiktion. Warum Kannibalismus? Ich glaube, dass Kannibalismus und Inzest die noch letzten Tabus sind. Mit „Beutezeit“ wollte ich weitergehen, als man meines Wissens jemals gegangen ist, und es sollte unglaublich extrem sein. So war Kannibalismus die logische Konsequenz.
Um das Thema Inzest so direkt anzugehen war ich noch nicht bereit - das musste noch bis „Wahnsinn“ (ONLY CHILD aka Stranglehold) warten - obwohl sich auch klare Auswirkungen durch den Jahrzehnte langen Inzest in der Kannibalen Familie zeigten.
Ist es ein ähnliches Feuerwerk wie in “Beutezeit” (im Original “Off Season”) und “Beutegier” (im Origninal “Offspring”), eine eindrucksvolle – mit Action beladene Story? Gib uns bitte eine kleine Vorschau.
Okay, eine Vorschau - von der Rückseite des Romans: "Die Frau ist die letzte ihrer Art, die einzig Überlebende eines Stammes der wilden Kannibalen, die seit Jahren die Küste von Maine terrorisierten. Sie ist verletzt und schwach, hat aber Zuflucht in einer Höhle mit Blick aufs Meer gefunden.
Christopher Cleek, ein unmoralischer und labilier Anwalt, sieht sie eines Tages bei der Jagd im Meer baden und folgt ihr später in die Höhle.
Cleek hat dunkle, grausame Geheimnisse, und wird nun noch ein weiteres grausames hinzufügen. Er will die Frau überwältigen, sie in seinen Keller sperren und mit Hilfe seiner Frau und den Kindern versuchen zu zähmen.“ Doch schon bald stellt sich die Frage:“ Wer ist hier wild, wer der Jäger und wer die Beute“?
Ich denke wenn man die ersten beiden Romane mochte, wird dieser hier wie ein Schlag in die Zähne!!!
