Interview mit Michael Hübner (Koblenz / Deutschland)




Hi Michael, vielen Dank, dass Du uns für ein paar Fragen zur Verfügung stehst.
Die erste Frage ist einfach, erzähle uns bitte etwas über den Menschen Michael Hübner.
Ich bin geboren am 06.07.1968 (ziemlich ungünstig, wenn man mit diesen Zahlen Lotto spielen will) und lebe mit meiner Frau, meinen drei Töchtern und meinem Hund in der Nähe von Koblenz. Schon in der Schule bin ich im Unterricht immer wieder in Tagträume abgedriftet, was aber vermutlich eher damit zusammenhing, dass ich mich bereits damals schwer damit getan habe, unnützes Wissen in mich aufzusaugen. Ich war schon immer ein sehr praktisch veranlagter Mensch, der sich sein Wissen lieber durch Erfahrungen aneignet, anstatt es von Tafelbildern abzulesen. Genauso verhält es sich auch mit dem Schreiben von Büchern. Alles, was ich darüber weiß, entspringt jahrelanger praktischer Übung. Der Rest ist reine Intuition.
Du wirst diese Frage bestimmt schon unendlich viele Male zu hören bekommen haben, aber da ja alle Leser von Haus aus extrem neugierig sind, werde ich sie Dir natürlich auch stellen. Was war der Auslöser, Dich von Deiner ursprünglichen Arbeit zu trennen und mit dem Schreiben zu beginnen?
Na ja, eigentlich habe ich mich schon viele Jahre zuvor, neben meinen vielen Tätigkeiten, mit dem Schreiben beschäftigt. Ich habe als Keramiktechniker, Verkäufer, Logistiker und Webdesigner gearbeitet, aber all diese Tätigkeiten waren für mich immer nur Mittel zum Zweck. Die meisten davon habe ich nicht einmal gerne getan. Sie dienten lediglich dazu, über die Runden zu kommen, füllten mich jedoch in keinster Weise aus, weshalb es mich in meiner Freizeit immer wieder zum Schreiben hingezogen hat. Denn nur darin sah ich meine einzige Chance auf Erfüllung. Und als mir dann plötzlich die größten Verlage dieses Landes großzügige Offerten machten, da habe ich mich nicht lange bitten lassen.
Jeder Autor hat ja seine eigene, ganz spezielle Art, eine Geschichte entstehen zu lassen? Wie funktioniert das bei Dir? Lässt Du sie vielleicht über Monate in Deinem Kopf reifen, legst Du sie im Hinterkopf ab und fügst immer neue kleine Stückchen hinzu, bis Du der Meinung bist, sie ist reif um mit dem Schreiben zu beginnen? Wie läuft das bei Dir ab?
Das kommt ganz auf die Idee an. Bei „Stigma“ war sie so stark, dass sie mich regelrecht elektrisiert hat und ich bereits zwei Tage danach mit dem Schreiben beginnen konnte, da ich die Geschichte ganz klar vor Augen hatte. Andere Ideen brauchen da gelegentlich etwas länger, um zu reifen. Manchmal ist es auch einfach nur eine zusammenhanglose Szene, die mir durch den Kopf geistert und die mich fasziniert. Dann fange ich damit an, mir Fragen zu stellen: Was könnte dieser Szene vorausgegangen sein? Was war der Auslöser dafür? Und wie könnte es weitergehen? So entstehen mit der Zeit weitere Ideen, die sich letztendlich zu einem Gerüst formen. Wenn ich dann irgendwann der Meinung bin, dass dieses Gerüst stabil genug ist, um 400 Seiten zu tragen, dann lege ich los.
Die Geschichte ist nun reif für die „Tastatur“, das Gerüst steht. Wie beginnst Du mit der Arbeit? Hast Du ein bestimmtes Schema welches Du verfolgst, fängst Du zum Beispiel am Anfang an, beginnst Du mit dem Ende, oder arbeitest Du Dich aus der Mitte heraus? Was mich aber besonders interessiert, wie entwickeln sich Deine Figuren, lässt Du sie sozusagen an der langen Leine laufen, und wartest ab wie sich entwickeln, wartest ab was passiert, oder steht die Richtung mit dem Beginn des Schreibens fest?
Ich schreibe meine Geschichten grundsätzlich linear, sprich, ich beginne am Anfang und arbeite mich dann bis zum Ende vor. Manchmal kenne ich dieses Ende schon zu Beginn und entwickle die Geschichte dann darauf zu. Das hängt ganz von der Ausgangsidee ab. Dabei gebe ich aber immer nur eine grobe Richtung vor, denn ich bin der festen Überzeugung, eine Geschichte muss sich selbst erzählen. Nur dann ist sie nachvollziehbar, logisch und glaubhaft. Ebenso verhält es sich mit den Figuren. Genau wie im wahren Leben, reifen sie mit den Geschehnissen, die sie durchleben und entwickeln sich dabei gelegentlich in eine Richtung, die ich zu Beginn gar nicht vorgesehen hatte. Daher existiert auch im Vorfeld keine einzige schriftliche Ausarbeitung zu meinen Geschichten. Sie basieren alle nur auf der Ideensammlung in meinem Kopf. Das macht das Schreiben für mich zum Abenteuer.
Mit Deinem Debüt Roman „Stigma“ hast Du gleich einen Volltreffer gelandet, was keinesfalls jedem Newcomer gelingt. Um dieses komplexe Thema glaubwürdig abhandeln zu können, benötigt es doch eine Menge Recherche auf dem Gebiet der Medizin, wie viel Zeit hast Du dafür investieren müssen? Wie viel Arbeit steckt dahinter?
Ehrlich gesagt, war mein Aufwand für die Recherche gar nicht mal so groß. Das Internet bietet einem heutzutage ja eine sehr bequeme und umfangreiche Möglichkeit, schnell an die gewünschten Informationen zu gelangen. Wo früher persönliche Gespräche und tagelange Nachforschungen in einer Bibliothek nötig waren, genügen heute in den meisten Fällen ein paar Mausklicks. Eine Entwicklung, die ich sehr begrüße, da ich Recherchen oftmals als lästig empfinde, da sie mich vom Schreiben abhalten. Die Ergebnisse dieser Nachforschungen glaubhaft in eine Geschichte einzubauen, ist dabei nach wie vor die schwierigere Aufgabe, die einem auch keine technische Errungenschaft abnehmen kann. Das Schreiben an sich ist bei weitem der härtere Job, der auch mir trotz aller Übung nicht immer leicht fällt.
Was an der Geschichte in „Stigma“ entspricht der Wahrheit, sprich – beruft sich auf Tatsachen, auf wahre Begebenheiten? Oder ist alles in Deinem Kopf entstanden, alles reine Fiktion?
Die Grundidee zu „Stigma“ basiert auf einer rein fiktiven Eingebung. Jedenfalls war mir bis zu diesem Zeitpunkt kein Fall bekannt, der sich tatsächlich so oder so ähnlich zugetragen hatte. Dennoch erschien es mir möglich zu sein. Die medizinischen Fakten, die ich aufgrund dieser Idee zusammengetragen habe, entsprechen jedenfalls alle den Tatsachen. Erst nachdem ich die Arbeit an dem Buch beendet hatte, machte mich mein Agent über einen Link auf den Artikel einer Online-Zeitschrift aufmerksam, in dem ein ähnlicher Fall beschrieben wurde. Ich war absolut erstaunt, wie viele Parallelen zu meiner Geschichte erkennbar waren. Auch habe ich mittlerweile einige Zuschriften von Menschen erhalten, die in diesem medizinischen Bereich tätig sind und die mir versichert haben, dass es sich durchaus so zutragen könnte.
Was hat sich seit der Veröffentlichung Deines Romans geändert? Es gibt sicherlich sehr viele Menschen die Dir wohlwollend auf die Schulter klopfen, anerkennend nicken und Deine Arbeit lieben. Ist zu viel Lob vielleicht auch eine Last beim Schreiben weiterer Bücher. Entsteht dadurch auch ein gewisser Druck, eine Art Stress, dem Lob vom ersten Roman gerecht zu werden?
Ich muss leider zugeben, dass es so ist. An einen Erstling geht der Leser ja ziemlich unbefangen heran. Beim zweiten Buch sind die Erwartungen da schon wesentlich größer. Da aber nicht jede Geschichte mit einem solchen Knalleffekt enden kann (was auf Dauer gesehen auch ziemlich vorhersagbar wäre) und ich als Autor natürlich auch nicht immer über dasselbe Thema schreiben möchte, wächst der Druck natürlich automatisch. Und mit ihm die Zweifel darüber, ob die neue Geschichte genauso gut aufgenommen wird. Aber ich denke, das ist ganz normal und geht sicher jedem Autor so. Ich versuche mich in meinem Schreiben nicht davon beeinflussen zu lassen. Wenn mir eine Idee gut und erzählenswert erscheint, dann setze ich sie um. Ob der Leser diese Ansicht am Ende teilt, kann man ohnehin nie vorausahnen. Ich werde aber voraussichtlich bei der Veröffentlichung meines zweiten Buches um einiges
Wie gehst Du mit Kritik an Deiner Arbeit um, ich meine konstruktive und auch begründete Kritik? Kritik, zum Beispiel nach dem Motto „das Buch war einfach nur schlecht“, lassen wir außen vor, denn Geschmäcker sind nun mal verschieden und jeder Mensch nimmt eine Geschichte anders auf. Wie verarbeitest Du sie, oder nimmst Du sie kaum wahr, versuchst sie auszublenden?
Natürlich schmerzt jegliche Art von negativer Kritik. Ich denke mal, kein Autor kann von sich behaupten, dass ihn so etwas vollkommen kalt lässt. Immerhin hat man viel Zeit und Arbeit in eine solche Geschichte investiert. Aber solang diese Kritik konstruktiv und sachlich daherkommt, sollte man sie auch nicht außer Acht lassen, denn sie kann einem helfen, Schwachstellen aufzudecken und somit die zukünftige Arbeit verbessern. So lautet zumindest die Theorie. Da ich aber nun am eigenen Leib erfahren habe, wie unterschiedlich die Ansichten über ein und dasselbe Thema sein können, erleichtert das diese Aufgabe nicht gerade. Denn was dem einen missfällt, empfindet ein anderer als herausragend. Daher habe ich beschlossen, es in Zukunft so zu handhaben: Wenn die negativen Meinungen die positiven überwiegen, dann fange ich an mir Gedanken zu machen.
Ich habe gelesen, dass weitere Thriller von Dir bei Goldmann in der Vorbereitung sind. Was können wir neues von Dir erwarten, kannst Du uns schon einen kleinen Ausblick auf Deine neue Arbeit geben, und vor allem – wann können wir mit etwas neuem von Dir rechnen?
In meinem nächsten Roman geht es um Themen wie Macht- und Profitgier, um Mord, Reue und Glauben. Und es geht um Wissenschaft und ihre Grenzen. Auch dabei wird die Vergangenheit wieder eine wichtige Rolle spielen. Allerdings in Form einer Fehlentscheidung, die Jahre später noch Folgen haben wird, da den Betreffenden schwere Selbstvorwürfe plagen, die sich zu einer Psychose ausweiten. Im Mittelpunkt der Handlung steht ein Kommissar, der gezwungen ist, mit einem verhassten Journalisten zusammenzuarbeiten, der Jahre zuvor ein dienstliches Untersuchungsverfahren gegen ihn angeregt und ihn dadurch beinahe um den Job gebracht hatte. Die beiden decken nach und nach skrupellose Machenschaften auf, die eine ganze Region erschüttern und eine milliardenschwere Branche in Verruf bringen werden. Doch bis dahin werden die beiden natürlich einige hochspannende und dramatische Wendungen durchleben. Das Buch wird im Mai 2012 erscheinen. Ein genauer Titel steht leider noch nicht fest, aber ich werde auf meiner Internetseite frühzeitig darüber informieren. An einem dritten Buch arbeite ich zurzeit.
Vielen Dank für dieses Interview Michael und weitehin viel Erfolg beim Schreiben.
