Interview mit Sebastian Fitzek (Berlin / Deutschland)


















Hi Sebastian, vielen Dank, dass Du uns für ein paar Fragen zur Verfügung stehst.
Nach dem Studium der Rechtswissenschaften und der Promotion hast Du Dich gegen einen juristischen Beruf entschieden, warum?
Weil ich zu diesem Zeitpunkt das Angebot hatte, Chefredakteur beim Berliner Rundfunk zu werden. Und das erschien mir verlockender, als mein Dasein in einer Großkanzlei zu fristen.
Als Du vor ca.9 Jahren Deinen ersten Psychothriller geschrieben hast, haben alle gesagt, deutsche Psychothriller funktionieren nicht. Was hast Du empfunden, wie hast Du reagiert, und was denkst Du im nachhinein über die Personen, die Dir davon abgeraten haben?
Ich freue mich sehr, dass diese Menschen sich alle geirrt haben. Aber ich bin ihnen weder böse noch mache ich mich über ihre Fehleinschätzung lustig. Dazu habe ich mich selbst in meinem Leben viel zu oft geirrt. Hand aufs Herz – wie oft habe ich ein Buch aus der Hand gelegt und nicht verstanden, wieso das ein Weltbestseller wurde? Die Geschmäcker sind zum Glück verschieden. Und hinter der Tatsache, dass fast alle Autoren von sämtlichen Verlagen ignoriert wurden (J.K. Rowling, Stephen King, John Grisham, etc.) steckt eigentlich eine gute Botschaft. Denn diese Autoren haben es am Ende trotz aller Widerstände ja doch noch geschafft! Eine gute Geschichte setzt sich also irgendwann durch. Man darf sich nur nicht von all den Zweiflern auf seinem Weg verunsichern lassen.
Wenn ich richtig informiert bin, wurde gleich Dein erster Roman, „Die Therapie“, in ca.20 Sprachen übersetzt. Was war das für ein Gefühl, als die Anfragen aus den anderen Ländern, bezüglich der Rechte kamen?
Das war ein ebenso unwirkliches Gefühl, wie der Moment, als ich zum ersten Mal jemanden in der U-Bahn mit meinem Buch in der Hand sitzen sah. Man weiß nicht, ob man sich freuen darf, oder ob das ein Traum ist, aus dem man in der nächsten Sekunde erwacht.
Gibt es eine Romanfigur aus Deinen Büchern, die Dir am meisten ans Herz gewachsen ist, von der Du vielleicht auch sagen könntest:“ Hey, so könnte ich auch sein, so könnte ich auch in der einen oder anderen Situation reagieren und handeln“?
Die Figuren, die mich besonders ans Herz gewachsen sind, erkennt man daran, dass sie in meinen anderen Thrillern wieder auftauchen. Und da mein Unterbewusstsein immer mein unkontrollierbarer Co-Autor ist, steckt in jeder meiner Figuren auch ein Stückchen Fitzek. In den Guten wie in den Bösen.
Verstehe die Frage jetzt bitte nicht falsch, aber wenn jemand solch Romane schreibt wie Du, die sich ja nun wirklich mit den Menschen beschäftigen, mit denen man nicht gerade Kaffee trinken möchte - was denkst Du da manchmal über Dich selbst? Die Ideen und grausigen Gedanken die Dir durch den Kopf gehen, machen sie Dir teilweise Angst und fragst Du Dich:“ Hey, alles okay mit mir“?
Ich mache mir eher darüber Sorgen, dass es so viele Menschen gibt, die es sich mit Geisteskranken und Psychopathen auf der Couch gemütlich machen wollen und mir dafür sogar Geld zahlen;)
Deine meisten Buchideen entstehen aus „was wäre wenn Situationen„ .Wie gehst Du dabei vor, spielst Du jede Situation die Du entdeckst gleich durch, versuchst sofort etwas um diese Situation aufzubauen oder sammelst du sie erst? Wie muss man sich das vorstellen?
Wenn sich bei mir eine Idee im Kopf aufbaut, dann will ich die im ersten Schritt gar nicht festhalten. Ich schreibe sie mir auch nicht auf sondern warte darauf, dass sie von alleine immer wieder bei mir im Geiste anklopft. Dann erst weiß ich, dass die Idee mich so fasziniert, dass ich mich auch die nächsten Wochen, vielleicht Jahre mit ihr beschäftigen will. Die Ideen, die ich von alleine wieder vergesse, waren vermutlich am Ende des Tages dann doch nicht so gut.
Deine Figuren sind ja sehr impulsiv, wie gehst Du mit Stress oder Druck um. Was hast Du für ein Ventil?
Mein Ventil heißt: Schreiben. Das ist der einzige Zustand, in dem ich wirklich abschalten kann, weil ich mich nur auf eine einzige Sache konzentriere und nicht tausend Dinge gleichzeitig mache.
Deine Thriller setzen alle sehr viel medizinisches Wissen voraus, wie erarbeitest Du Dir diese Details, wie recherchierst Du sie? Und speziell beim Augensammler, die Figur Alina, wieviel Zeit hast Du investiert um all das Wissen über die Blindheit zu sammeln, um sie auch glaubwürdig erscheinen zu lassen?
Dem Thema Recherche zum Thema Blindheit bei „Der Augensammler“ habe ich mehrere Seiten in meiner Danksagung gewidmet. Sie war die umfangreichste bislang und nur möglich, weil ich das Glück hatte, dass mich über zwanzig Sehbehinderte beraten und mein Buch probegelesen hatten. Ich frage am liebsten die Experten und/oder Betroffenen direkt: „Wie trennt Ihr als Blinde die Weiß- von der Buntwäsche? Wie träumt Ihr, wenn ihr zuvor noch nie etwas gesehen habt? Gibt es Spiegel in Euren Wohnungen?“ – Alles Fragen, die man nicht einfach mal googeln kann. Genauso verhält es sich mit vielen medizinischen Aspekten.
Am Ende in „Der Therapie“ hast Du Deine E-Mail Adresse angegeben, hast Du es jemals bereut das getan zu haben, denn Du bist ja jemand, der wirklich auf jede eigegangene Mail antwortet. Über was für eine Größenordnung an zu beantwortenden Mails reden wir?
Mittlerweile sind es mehrere tausend Mails im Jahr und ich freue mich über jede einzelne. Es dauert zwar von Buch zu Buch länger, sie zu beantworten (und meine Antworten werden auch immer kürzer), aber das Feedback der Leser gibt mir so viel Kraft und Inspiration, dass ich nur jedem Autor raten kann: Verkriech dich nicht im stillen Kämmerlein, such den Kontakt zu deinen Lesern! Erst heute bekam ich eine Mail von einer Frau, die unter schweren Krebsschmerzen leidet und mit meinen Büchern die Welt um sich herum für eine Weile vergisst. Ich hätte nie gedacht, dass ein simpler Thriller eine so große Wirkung haben kann. Dieses Lob hätte ich ohne die Veröffentlichung meiner Mailadresse nie erhalten.
Du hast extrem viele Rezensionen zu allen Deinen Romanen - zum Beispiel auf Amazon - bekommen. Viel mehr als alle anderen Autoren, ganz gleich aus welchem Land sie stammen. Wie erklärst Du Dir das? Zum einen weil Du ein deutscher Schriftsteller bist, Deine Geschichten in Deutschland spielen, oder weil Deine Geschichten so extrem spannend und packend sind? Was denkst Du?
Ganz ehrlich: ich weiß es nicht. Ich bin selbst erstaunt, dass meine Bücher ganz offenbar irgendetwas an sich haben, dass die Leser sie nach dem Lesen nicht einfach ins Regal stellen, sondern sich darüber austauschen wollen. Und dass hierbei bislang die positiven Rezensionen überwiegen freut mich natürlich umso mehr.
Vielen Dank für dieses Interview Sebastian und weitehin viel Erfolg beim Schreiben.
