Interview mit Wulf Dorn (Deutschland / Ulm)

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Hallo Wulf, vielen Dank, dass Du Dir die Zeit genommen hast, ein paar Fragen von Elements of Crime zu beantworten.

Eine Einleitung mit der ich immer wieder gerne beginne, erzähle uns bitte etwas über den Menschen Wulf Dorn.

Ich bin der nette Typ von nebenan, der Geld damit verdient, Leute zu erschrecken. (lacht) Nein, ganz im Ernst, der Mensch Wulf Dorn ist völlig unspektakulär. Mit dem Schreiben habe ich begonnen als ich zwölf war. Inzwischen bin ich zweiundvierzig und lebe mit meiner Frau und unserer Katze in einem kleinen Haus auf dem Land. Ich sammle Bücher, Comics und alte Horrorfilme, mag keine Menschenansammlungen, gehe oft Laufen, Biken und Schwimmen, bin viel in der Natur unterwegs und reise gerne.

Du kommst ja ursprünglich aus dem Horror-Genre, wie kam es zu dem Sinneswandel, sich fortan dem Thema Psychothriller zu widmen? Ist der Mensch für Dich erschreckender und furchteinflößender geworden als irgendwelche, ich nenne es mal Dämonen, in Horror-Romanen?

Ich denke nicht, dass man in diesem Zusammenhang von einem Sinneswandel sprechen kann. Mir ist nur irgendwann klar geworden, dass es schon immer der Mensch gewesen ist, der mir Angst gemacht hat. Denn alle Monster und Dämonen sind doch letztendlich nichts anderes als Metaphern für die dunkle, böse Seite, die in jedem von uns lauert. Insofern schreibe ich also immer noch Horror, nur mit realistischeren Themen.

Wie erlebst Du Deine Storys beim Schreiben, geht es Dir wie uns Lesern, die von der ersten Minute an gefesselt, mit kauenden Fingernägeln Seite für Seite verschlingen, oder ist es für Dich – um es ein klein wenig salopp auszudrücken – schon Routine und es lässt Dich „relativ“ kalt?

Routine? Um Himmels willen, nein! Wenn mich eine Story nicht selbst fesselt, würde ich sie nicht schreiben. Immerhin bin ich mein erster Leser. Wenn der magische Funke nicht schon bei mir überspringt, wäre es sicherlich bei allen weiteren Lesern ebenso. Im Gegenteil, nach manchen Szenen muss ich selbst erst einmal Pause machen, um durchzuatmen. Nach dem zweiundvierzigsten Kapitel von „Trigger“, zum Beispiel. Eine ziemlich heftige Szene. Danach brauchte ich einen Tag Abstand, ehe ich weiterarbeiten konnte. Ähnlich ging es mir bei meinem neuesten Roman, der demnächst erscheinen wird. Es mag sich vielleicht verrückt anhören, aber genau das sind die Momente, die ich beim Schreiben besonders liebe: Wenn du das Gefühl hast, etwas tatsächlich miterlebt zu haben, obwohl es sich nur in deiner imaginären Welt ereignet hat.

Nach Trigger, Kalte Stille und Dunkler Wahn sind nun schon 3 Psychothriller von Dir erschienen. Welcher hat Dich in der Ausführung am meisten gefordert, welcher ist Dir am meisten ans Herz gewachsen, und warum?

Seit ich hauptberuflich als Autor tätig bin, habe ich gelernt, dass du kein Buch mehr so entspannt schreiben wirst wie dein erstes. Nach dem großartigen Überraschungserfolg von „Trigger“ war ich eine zeitlang ziemlich blockiert. Ich bekam jede Menge Lesermails, nicht nur aus Deutschland, auch aus Italien, Spanien und Holland, und jeder liebte die Story. Anfangs konnte ich mich jedoch nicht wirklich darüber freuen, sondern las zwischen den Zeilen nur die hohe Erwartungshaltung an den nächsten Roman. Insofern war der Einstieg in "Кalte Stille" die bisher größte Herausforderung für mich – vor allem, weil ich nicht „Trigger 2“ schreiben wollte, sondern einen eigenständigen Thriller, der auf andere Weise funktioniert. Schließlich half mir dann der Reiz, den die neue Geschichte auf mich ausübte, um über die Blockade hinwegzukommen. Vielleicht ist mir "Кalte Stille" deshalb besonders ans Herz gewachsen, aber im Grunde genommen hat jede meiner Geschichten eine besondere Bedeutung für mich und ich will keiner den Vorzug geben. Das wäre sonst wie die Frage nach dem Lieblingskind.

In wie weit begleiten Dich Deine Figuren durch das alltägliche Leben? Speziell wenn Du Menschen siehst, die vielleicht rein optisch in die Nähe Deiner Figuren kommen, oder auch beim Einkaufen, fragst Du Dich da eventuell auch, was würde „Jan“ jetzt kaufen? Oder lässt Du sie nicht soweit in Dein „privates“ Leben vordringen?

Mir ist es wichtig, dass meine Figuren authentisch wirken. Sie müssen ihre Stärken, Vorlieben und besonderen Seiten haben, ebenso wie ihre Macken und Schwächen – so wie jeder von uns. Deshalb verbringe ich während der Arbeit an einem Roman auch neben dem Schreiben viel Zeit mit meinen Protagonisten. Sie werden gewissermaßen zu meinen ständigen Begleitern. Im Idealfall geht das soweit, dass ich sie deutlich vor mir sehe. Beim Einkaufen, im Restaurant, im Kino, beim Spazieren oder wo auch immer ich bin. Klingt vielleicht schizophren, aber so ist es nun mal. (lacht)

Hast Du von Anfang an ein klares Bild Deiner Figuren vor Augen, wer welche Rolle bekleidet, und wie zum Beispiel ihr Gesamtpaket sein soll? Oder lässt Du den Figuren freien Lauf, um sich in einer gewissen Art selbst zu entwickeln, um vielleicht auch so zu sehen, wer wie weit in der Story gehen und „leben“ darf, oder wer vielleicht frühzeitig ausscheidet?

Ich bin ein Planer, d. h. ich weiß bereits vor dem Schreiben, welchen Verlauf die Geschichte für jeden Beteiligten nehmen wird. Das funktioniert jedoch nur, wenn ich mein Personal von Anfang an genau kenne. Deshalb habe ich von jeder Figur ein klares Bild über ihr Aussehen, ihren bisherigen Lebenslauf und ihre daraus resultierende Persönlichkeit. Gelegentlich kommt es aber trotzdem vor, dass eine Figur von innen gegen den Monitor klopft und mir klar macht, dass sie niemals so handeln würde, wie ich es für sie vorgesehen habe. Das sind dann die besonders spannenden Momente für den Autor.

Beruflich bist Du ja seit vielen Jahren im Bereich der Psychiatrie tätig. Ist somit das Schreiben von Psychothrillern auch eine Art Ventil, um das Erlebte zu verarbeiten, sich von dem menschlichen Leid zu befreien, dem man bestimmt zweifelsohne täglich ausgesetzt ist?

In den achtzehn Jahren, in denen ich psychisch kranke Menschen beim beruflichen Wiedereinstieg unterstützt habe, bin ich mit vielen dramatischen Schicksalen konfrontiert worden. Ich habe manches erlebt, über das ich niemals schreiben könnte, weil mir das keiner glauben würde. Aber du lernst schnell, eine innere Distanz zu deinen Fällen herzustellen, andernfalls könntest du einen solchen Job nicht lange ausüben. Insofern hält nur weniges aus meinem Berufsalltag Einzug in meine Geschichten. Was ich jedoch in dieser Tätigkeit gelernt habe, ist, dass der Mensch sich selbst das größte Rätsel von allen ist. Und das spiegelt sich auch in meinen Geschichten wieder.

In Deinem neuesten Roman „Dunkler Wahn“ geht es um das Thema Stalking, einem Thema, mit dem auch immer die Liebe einhergeht. Nur bleibt es in diesem Roman nicht bei dem „hinter her schmachten“ einer Person, sondern es wird aufgrund – ich nenne es mal vorsichtig - einer fehlerhaften Funktion im Gehirn, zu einem krankhaften Unterfangen? Wie bist Du auf die Idee gekommen, die „Liebe“ so böse werden zu lassen?

Nun ja, alles hat zwei Seiten. Auch die Liebe. Es gibt so viele Liebesgeschichten, in denen innige Zuneigung, Freude, Sehnsucht und natürlich auch ein Happy End geschildert werden, aber nur wenige, die uns die andere Seite zeigen: Eifersucht, Obsession, Abhängigkeit und das Besitzergreifende. Dabei ist der krankhafte Liebeswahn, die Erotomanie, beileibe keine Seltenheit. Allein im letzten Jahr gab es in Deutschland mehr als elftausend Stalking-Fälle. Polizeilich registrierte Fälle, wohlgemerkt. Die Dunkelziffer wird weitaus höher geschätzt. Und ein Großteil dieser Fälle ist durch enttäuschte oder krankhafte Zuneigung motiviert.

Ein Roman entsteht ja nicht nur in Eigenregie, sondern Du bist dabei auch auf viele helfende Hände angewiesen, die Dich beratend unterstützen. Hinzu kommt Informationen zu sammeln, zum Beispiel aus der Fachliteratur und bestimmt auch aus dem Internet. Das Recherchieren über den Schauplatz und die Gestaltung der Szenerie usw. usw. Wie muss man sich den Ablauf vom ersten Gedanken, bis zum fertigen Roman vorstellen?

Zu Beginn steht bei mir die Idee für das zentrale Thema. Dann trage ich alles zusammen, was ich dazu finden kann. Das Internet dient mir dabei nur für den groben Überblick. Vielleicht bin ich in dieser Hinsicht altmodisch, aber wenn ich ein Thema vertiefen möchte, vertraue ich lieber auf Fachliteratur und gehe in eine Bibliothek. Wenn dann das Grundgerüst für die Geschichte steht, setze ich mich mit Experten zusammen, die mir wertvolle Tipps geben und mich beraten. Diese Informationen aus erster Hand sind unbezahlbar, weil du manchmal Dinge erfährst, die du in keinem Buch finden würdest. Was Schauplätze und Szenerien betrifft, orientiere ich mich gern an Orten, die ich persönlich kenne. Den Bunker aus "Кalte Stille" hat mir zum Beispiel ein Freund gezeigt, und auch der Hydrotherapiekeller in „Trigger“ hat ein reales Vorbild. Einen ähnlichen Raum gibt es in einem rumänischen Psychiatriemuseum.

Bitte gebe unseren Lesern einen kleinen Vorschmack auf Deinen neuen Roman, an dem Du bestimmt schon fleißig arbeitest. Was können sie erwarten, wird es eine Fortsetzung um den Protagonisten Jan geben, oder wirst Du Fahlenberg verlassen, um an einem neuen Schauplatz Deine Zelte aufzuschlagen?

Mein nächster Roman ist ein Jugendthriller. Er heißt "Мein böses Herz" - und wird Ende Februar erscheinen. Es ist mein vorläufiger Abschied aus Fahlenberg, aber wer meine anderen Romane kennt, wird einige Parallelen entdecken. Zum Beispiel hat Jan Forstner einen kurzen Auftritt und der Schauplatz der Handlung wird den Lesern von „Trigger“ bekannt vorkommen. Die Geschichte handelt von der sechzehnjährigen Doro, die seit dem Tod ihres kleinen Bruders unter Wahnvorstellungen leidet. Als sie mit ihrer Mutter aufs Land zieht, glaubt sie, die Dinge wieder im Griff zu haben. Aber dann begegnet sie eines Nachts einem Jungen, der sie um Hilfe bittet. Ein Junge, den es eigentlich nicht geben kann, denn er hat einige Tage zuvor Selbstmord begangen. Doro beginnt nachzuforschen und gerät dabei in große Gefahr. Doch niemand glaubt ihr.

Ich freue mich schon sehr auf das Buch und auch auf die Hörbuchfassung, die von Laura Maire gelesen wird. Laura war meine Wunschbesetzung für diese Rolle, ebenso wie David Nathan für mich schon immer die Stimme von Jan Forstner war. Wir haben uns ja vorhin über das Aussehen meiner Protagonisten unterhalten, das ich mir beim Schreiben vorstelle. Ebenso wichtig ist mir ihre Erzählstimme. Vor allem bei diesem Projekt, bei dem es um das Böse im Menschen und um innere und äußere Realitäten geht. Denn selbst die Erzählerin kann sich nicht immer sicher sein, wem sie vertrauen darf. Vielleicht nicht einmal sich selbst ...

Vielen Dank für dieses Interview Wulf, und weiterhin viel Erfolg beim Schreiben.

 
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